Margot Hes
kam am 28. Juni 1924 in Wenkheim, Kreis Tauberbischofsheim als drittes von fünf Kindern ihrer Eltern Josef und Bertha Hes zur Welt. Vier Jahre nach ihrer Geburt ließ sich die Familie in Idstein nieder, wo Josef Hes in der jüdischen Gemeinde das Amt des Kantors ausübte. Auch war er bis zur „Gleichschaltung“ für die religiöse Erziehung und Bildung der jüdischen Bewohner des verantwortlich. Bildung und Kultur hatten in der Familie von Margot Hes einen hohen Stellenwert. Josef Hes, selbst Lehrer, beherrschte mehrere Sprachen, war umfassend gebildet und besaß eine große Bibliothek. Auch ein Klavier gehörte zur Ausstattung des Haushaltes in der Idsteiner Lautzstraße. Für die Kinder war gemäß der Familientradition eine höhere Schulbildung vorgesehen. Diese wurde ihnen aufgrund ihrer jüdischen Herkunft verwehrt. Im NS-Staat war 1933 das „Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen“ erlassen worden. Damit wurde jüdischen Menschen der Zugang zu weiterführenden Schulen und Universitäten unmöglich gemacht. Margot Hes besuchte in den Jahren von 1930 bis 1936 die Gruner-Schule in Idstein. Bis November 1938 schloss sich der Besuch einer eigens für jüdische Kinder errichteten Schule in Wiesbaden an. Das Haus der Familie Hes wurde während des Novemberpogroms vollständig zerstört und unbewohnbar gemacht. Die Familie flüchtete nach Frankfurt. Der Bildungsweg von Margot Hes war zwangsweise beendet. Sie fand eine Stelle aus Hausgehilfin in der Familie des Frankfurter Pelzhändlers Mühlgay und konnte so für ihr Auskommen sorgen. Ihre Eltern waren nach der Zerstörung ihrer Lebensgrundlage in Idstein mittellos. Der Familie Mühlgay glückte die Flucht ins rettende Ausland und somit war Margot Hes ohne Einkommen und Lebensgrundlage. Die Situation jüdischer Menschen in Frankfurt war geprägt von großer wirtschaftlicher Not, Angst und Unsicherheit. Fluchtwege waren verschlossen und die Lage meist aussichtslos. Die Wege der Familie Hes trennten sich notgedrungen. Um wenigstens die Kinder in Sicherheit zu bringen, wurde Margot Hes in das Gut Neuendorf bei Berlin gebracht. Von dort aus sollte ihre Flucht nach Palästina ermöglicht werden. Dieser Plan misslang. Margot Hes wurde am 19. April 1943 von der Gestapo in Berlin verhaftet und mit dem 37. „Osttransport“ nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurde. Eine vermutlich im Sommer 1938 privat aufgenommene Fotografie zeigt Margot Hes auf den Stufen des Hauses in der Idsteiner Lautzstraße.
Rosel Heun geb. Blum
wurde am 14. September 1909 in Idstein geboren. Sie war die Tochter von Jonas Blum und Zerline Blum geb. Goldschmidt und hatte zwei Brüder: Heinrich Blum und Karl Blum. Rosel Heun heiratete den Arbeiter Franz Heun aus Camberg-Erbach, wo sie gemeinsam lebten und die beiden Töchter Magdalena und Rosa aufzogen. Da der Ehemann von Rosel Heun als „Arier“ galt, war Rosel Heun in der Zeit des Nationalsozialismus bedingt vor Verfolgung geschützt. Sie lebte in einer sog. „privilegierten Mischehe“. Ihre Kinder galten im Sinne der Nürnberger Gesetze als sog. „Halbjuden“. Dennoch wurde Rosel Heun am 10. Mai 1943 im Rahmen der „Judenaktion“ verhaftet und in das KZ Ravensbrück überstellt. Trotz entsetzlichster Haftbedingungen überlebt sie die Haft, worüber sie nach der Befreiung berichtet:
Ich, Rosel Heun, geboren am 19. September 1909 in Idstein/Ts., verhaftet am 10. Mai 1943 bei der „Judenaktion“, gebe zu Protokoll:
„Ich wurde zu einem Verhör (…) nach Frankfurt bestellt. Mein Mann, der gerade Urlaub hatte, fuhr mit mir. Dort angekommen, sagte ich meinem Mann, er möge draußen warten, ich käme ja bald wieder. Leider sah ich meinen Mann aber nicht wieder, da ich sofort in einem Auto nach dem Gefängnis gebracht wurde. Dort im Gefängnis fand ich noch mehrere Insassen vor; alles Mischehen und Mischlinge. Dort erfuhr ich, dass wir alle in ein Lager kommen sollten. Ein Vierteljahr blieb ich dort im Gefängnis. Das Essen war sehr unzureichend, sodass ich krank wurde. Ich verlangte vom Arzt, in ein Krankenhaus zu kommen. Darauf legte man mir zwei Scheine vor, von denen ich nur einen lesen durfte. Den anderen, den ich nicht las, sollte ich unterschreiben. Ich wehrte mich entschieden. Daraufhin kam ich in das KZ-Lager Ravensbrück. Die Behandlung war sehr, sehr schlecht. Wir mussten uns ganz ausziehen und dann wurden uns die Haare abgeschoren. Das Essen war sehr unzureichend. Es gab nur Wassersuppe und Kartoffelschalen. Einmal täglich eine Schnitte Brot. Bei Schnee, Eis und Kälte täglich Appelle. Zwei Stunden morgens und zwei Stunden abends. (…) Bei jeder Kleinigkeit wurde geschlagen und getreten. Mit Hunden wurden wir gehetzt. Die Arbeiten waren sehr schwer. Ich habe den Wunsch, auf dem schnellsten Wege nach Hause zu meinem Mann und meinen Kindern zu kommen.“ Nach der Befreiung und ihrer Rückkehr nach Hause übernahm das Ehepaar Heun das Kino in Camberg-Erbach.
Ihr Vater, der zuletzt verarmt und vollkommen isoliert in Idstein lebte, kam im Ghetto Izbica zu Tode, ihre Brüder Heinrich Blum und Karl Blum wurden im KZ Sachsenhausen (Oranienburg) und im Ghetto Minsk ermordet. Rosel Heun starb 1995 in Bad Soden.
Margarete Klara Hirsch
kam am 13. November 1901 in Frankfurt/Main als erstes Kind der Familie zur Welt. Während ihrer Geburt waren Komplikationen aufgetreten. In der Folge lebte Margarete Hirsch mit einer Behinderung. Ihre Eltern, Hermann Hirsch und Alice Hirsch geb. Ettlinger stammten aus großbürgerlichen Verhältnissen.
So konnten sie ihrer Tochter Aufenthalte in Kureinrichtungen und Sanatorien ermöglichen, um ihre Erkrankung zu mildern. Mit ihrer zehn Jahre jüngeren Schwester Vera und ihren Eltern lebte Margarethe Hirsch in einem großzügigen Haus nahe der Frankfurter Oper. Die Mutter Alice Hirsch sprach mehrere Sprachen und die Familie nahm am gesellschaftlichen und kulturellen Leben der Stadt Frankfurt regen Anteil.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Vera Hirsch die bereits begonnene Ausbildung als Ärztin verwehrt. Mit dem Ziel, ihre Ausbildung dort fortzusetzen, emigrierte sie nach London. Von dort aus versuchte sie, ihren Eltern die Flucht aus Nazi-Deutschland zu ermöglichen. Aufgrund ihrer Behinderung war Margarethe Klara Hirsch die Emigration nach England verwehrt.
Die Familie entschied, sie im Pensionat des Kalmenhofes unterzubringen. Die Einrichtung genoss zu diesem Zeitpunkt in Frankfurt höchstes Ansehen. Dies nicht zuletzt deswegen, weil die religiösen Bedürfnisse jüdischer Kalmenhof-Bewohner beachtet und eine streng rituelle Küche geführt wurde. Margarethe Klara Hirsch wurde 1934 im Kalmenhof aufgenommen und lebte dort bis zum 26. März 1935. An diesem Tag erreichte ihre in London lebende Familie ein Telegramm, wonach Margarethe Klara Hirsch im Kalmenhof an „Lungenentzündung“ und „Grippe“ verstorben sei. Die genauen Todesumstände von Margarethe Klara Hirsch sind nicht sicher zu ermitteln. Es ist nicht völlig auszuschließen, dass sie aufgrund von Vernachlässigung erkrankte; der Kalmenhof war seit dem Jahr 1933 „gleichgeschaltet“; also unter NS-Herrschaft. Die Trennung von ihrer Familie war Folge der erzwungenen Flucht ihrer Eltern ins rettende Ausland. Margarethe Klara Hirsch wurde auf dem jüdischen Friedhof der Stadt Idstein beigesetzt, wo ihr Grabstein als einer der wenigen die Verwüstungen des Novemberpogroms überdauert hat.
Roland Dietrich
kam am 8. Februar 1901 in Idstein als Sohn des Landwirts und Schreiners Wilhelm Dietrich und seiner Ehefrau Anna geb. Schreiber zur Welt. Er war das 6. Kind der Familie und übte den Beruf des Landwirtsgehilfen aus. Als Wohnadresse wird der Veitenmühlweg in Idstein angegeben. Im Februar 1925 attestiert der Idsteiner Arzt Dr. Petsch die „dringende Bedürftigkeit der Aufnahme des Dietrich in die Landes- Heil und Pflegeanstalt Eichberg.“ Die Kosten der Unterbringung werden durch die Armenverwaltung Idstein übernommen, da die Familie ihren Lebensunterhalt aus wenigen Morgen Land nur mühsam erwirtschaften kann.
Roland Dietrich übernimmt in der Anstalt Eichberg Aufgaben im Garten und in der Landwirtschaft. In seiner Akte ist vermerkt: „arbeitet (…) sehr fleißig (…) er ist zu allem, auch schwierigen Arbeiten zu gebrauchen“. Roland Dietrich unterhält Kontakt zu seinen Eltern, schreibt ihnen Briefe und darf sie auf Antrag besuchen. Gegen Ende der 20er Jahre verschlechtert sich sein Zustand. Er wird pflegebedürftig und ist bettlägerig. Mit Übernahme der Einrichtung durch die Nationalsozialisten verschlechtern sich die Lebensverhältnisse auf dem Eichberg rapide. Überbelegung, Rationierung der Essenszuteilung und drastische Reduzierung des Pflegepersonals führen, wie von den NS-Ideologen gewollt, zu einer drastisch erhöhten Sterblichkeit bei den Anstaltsinsassen. Im August 1940 wird Roland Dietrich durch das Wehrbezirkskommando Wiesbaden gemustert und als „untauglich“ für den Kriegsdienst eingestuft. Zu diesem Zeitpunkt ist Roland Dietrich in sehr schlechter gesundheitlichen Verfassung. Er hat offene Beine und wird, da er unter dem Verdacht steht, an Tuberkulose erkrankt zu sein, in die „Baracke“ verlegt. Dies war eine „pflegerlose“ Abteilung, in der die Menschen sich selbst überlassen wurden.
Am 22. Januar 1941 wird Roland Dietrich mit weiteren 49 Anstaltsinsassen aus der Anstalt Eichberg in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt und am Tag seiner Ankunft in der dortigen Gaskammer ermordet. Seinen Angehörigen wurde mitgeteilt, dass er in der Anstalt Hartheim bei Linz an der Donau am 2. Februar desselben Jahres verstorben sei. So sollten die Krankenmorde verschleiert werden. Eine Urne mit der vorgeblichen Asche des Ermordeten befindet sich auf dem Gräberfeld des Wiesbadener Südfriedhofs. Dort ist auch der Name von Roland Dietrich auf einem Grabstein genannt.
Karl Heinz Grill
wurde am 27. Dezember 1913 in Limburg geboren. Seine Eltern waren der Sattler Christian Heinrich Grill und Margarete Johanna Grill geb. Grimm. Karl Heinz Grill lebte mit einer Behinderung und wurde 1920 in Aulhausen untergebracht, da er dort eine Ausbildung absolvieren konnte. Im Dezember 1934 wurde er zwangsweise sterilisiert. Seine Aufnahme in den Kalmenhof erfolgte am 28. Juni 1937. Karl Heinrich Grill wurde bei seiner Aufnahme im Kalmenhof einer Intelligenzprüfung unterzogen. Die ihm gestellten Fragen beantwortet er stimmig, insbesondere bei Fragen zu landwirtschaftlichen Zusammenhängen zeigt er sich kundig. Er beweist Kenntnisse über Gemüsesorten, kann angeben, dass die Äpfel im Herbst reif sind und beschreibt präzise, welche Schritte bei der Auspflanzung von Gemüsepflanzen zu beachten sind. Auch die Entstehung eines Gewitters beschreibt er: „ Da ziehen die Wolken zusammen und dann kommt die Elektrizität und schlägt ein.“ Am 21. Juli 1937 wird in der Krankenakte vermerkt, er sei im „Lehrlingsheim untergebracht“ und habe sich „reibungslos in den neuen Rahmen hineingefunden. Karl Heinz Grill arbeitet im Kalmenhof in der Gärtnerei und Landwirtschaft und trägt so zu seinem Lebensunterhalt bei.
Am 12. Oktober 1937 erfolgt ein Eintrag in der Akte, wonach Karl Heinz Grill „ausgesprochen faul“ sei und sich vor jeder Arbeit drücke. Daher komme er „mit seinen Kameraden schlecht (aus), die ihm gern einen Streich spielen, worauf er jedesmal hereinfällt. Ist leicht in mürrischer Stimmung, ist empfindlich und öfters gereizt.“
Im Dezember 1937 ist vermerkt, dass er „alle paar Tage mit einer nichtigen Frage“ komme, er über Schmerzen klage, obwohl sich kein „krankhafter Befund“ nachweisen lasse. Durch ein paar beruhigende Worte sei er im Allgemeinen dazu zu bringen, seine Tätigkeit wieder aufzunehmen. Der letzte notierte Eintrag in der Krankenakte erfolgt am 20. Dezember 1937: "Weiterhin mürrisch und unzufrieden, wehleidig und klagesüchtig. In seiner Arbeit völlig untüchtig, er steht untätig umher, greift aktiv niemals zu, muss zu jeder Handlung aufgefordert werden. Ein selbständiges Arbeiten ist unmöglich; eine Tätigkeit, die Nachdenken erfordert, kann er nicht verrichten.“
Aus den weiteren Akteneinträgen geht hervor, dass Karl Heinz Grill sich mehr und mehr zurückzieht. Die Arbeit geht ihm offenbar nicht gut von der Hand und er scheint unter der Situation auf dem Kalmenhof zu leiden. Karl Heinz Grill wird pflegebedürftig und, weil er für die Einrichtung nicht mehr als „nützlich“ angesehen wird, durch die Anstaltsleitung selektiert und für die Tötung in Hadamar bestimmt.
Karl Heinz Grill wird am 11. März 1941 mit weiteren 75 Menschen aus dem Kalmenhof in die Tötungsanstalt Hadamar verbracht und am Tag seiner Ankunft in der dortigen Gaskammer ermordet.
Den in Limburg lebenden Eltern wird mit Schreiben vom 11. März 1941 mitgeteilt, dass ihr Sohn in „eine andere Anstalt verlegt“ worden sei. Nachdem die Eltern nach 14 Tagen keine Informationen über den Aufenthaltsort ihres Sohnes erhalten hatten, fährt die Mutter nach Idstein, um sich bei dem Direktor Müller nach dem Verbleib ihres Sohnes zu erkundigen. Später wird den Eltern mitgeteilt, Karl Heinrich Grill sei in Pirna Sonnenstein verstorben. Dieser Auskunft schenkt die Mutter keinen Glauben und sie äußert sich in Limburg über die mutmaßliche Ermordung ihres Sohnes. Daraufhin wird sie von der Gestapo für einen längeren Zeitraum in Haft genommen.
Lieselotte Wevers
Lange war das Schicksal von Lieselotte Wevers in der Familie kein Thema. Das zwölfjährige Mädchen wurde am 22. September 1943 im Kalmenhof-Krankenhaus ermordet. Erst vor einigen Jahren wurde Jutta Wevers, Nichte von Lieselotte Wevers aus Hösel auf die ihr bis dahin unbekannte Tante aufmerksam: Eine Fotografie zeigt die damals etwa Zweijährige auf dem Schoß ihrer Großeltern. Erst auf ihre Nachfrage um wen es sich bei dem Mädchen handelt, wurde ihr mitgeteilt: „Das ist Lieselotte, das ist doch die Schwester deines Vaters“. Lieselotte Wevers kam 1931 in Düsseldorf mit einer Behinderung zur Welt. Ihre Eltern lebten in einem Dorf, das heute zu Ratingen gehört, und heirateten erst nach ihrer Geburt. Im Alter von zehn Jahren wurde Lieselotte in die Heil- und Pflegeanstalt St. Joseph in Düsseldorf-Unterrath verbracht. Von dort aus erfolgte zunächst ihre „Verlegung“ in die Anstalt Scheuern bei Nassau und am 11. September 1943 dann in den Kalmenhof, wo sie wenige Tage später vorgeblich an „Lungenentzündung“ und „Kreislaufschwäche“ bei „mongoloider Idiotie“ verstarb. Innerhalb ihrer Familie war der Erinnerungsfaden zum Schicksal von Lieselotte unterbrochen. „Wir haben nie über sie gesprochen“, so Frau Wevers, die Nichte. Dieser Erinnerungsfaden wurde nun durch die Initiative von Jutta Wevers wieder aufgenommen. Sie hatte ihrem Vater vor dessen Tod versprochen, das „Rätsel seiner Schwester Lieselotte“ zu lösen. Nach Recherchen im Internet entdeckte Frau Wevers den Namen ihrer Angehörigen in der vom Verein „Gedenkort Kalmenhof“ vor zehn Jahren öffentlich gemachten Datenbank mit den Namen der im Kalmenhof ermordeten Menschen.
Im Frühjahr 2023 fuhr Jutta Wevers zum ersten Mal nach Idstein und legte am Mahnmal einen Kranz nieder. Beim gemeinsamen Rundgang über das Kalmenhof-Gelände besuchten die Angehörigen die mit dem Schicksal von Lieselotte Wevers verbundenen Tatorte. Sie gingen zur Leichenhalle und nahmen das Kalmenhof-Krankenhaus von außen in den Blick. Die Grablage der mutmaßlich in einem Massengrab liegenden Lieselotte Wevers ist auch 80 Jahre nach ihrer Ermordung nicht bekannt. Die Stadt Düsseldorf hat die Geschichte von Lieselotte Wevers aufgegriffen. Im Januar 2024 wurde vor dem St. Joseph-Heim eine Gedenkstele für Lieselotte Wevers enthüllt. An ihrem 82. Todestag im September 2025 wurde vor ihrem Elternhaus in Ratingen ein Stolperstein für Lieselotte Wevers verlegt. Erinnerung lebt von persönlichen Geschichten. Wie weit die erst kürzlich entdeckte Lebensgeschichte von Lieselotte Wevers in das Leben der dritten Generation und der nachgeborenen Angehörigen reicht, zeigt das Beispiel von Lieselotte Wevers. Sie zeigt, dass auch in der Gegenwart und in der Zukunft noch viele Leerstellen in Familiengeschichten zu füllen sind. Die ungeklärte, zuweilen verdrängte Vergangenheit wirkt vielhundertfach bis heute nach. Dies zu ändern ist unser Auftrag.
Viktor Manfred Perel
wurde am 16. Dezember 1921 in Frankfurt am Main geboren. Seine Eltern waren der Handlungsreisende Wolf Lewkowitz und Sara Perel, die mit dem gemeinsamen Kind in der Allerheiligenstraße 38 lebte. Die Eltern waren „jüdisch-rechtlich“, also nicht standesamtlich verheiratet. Für Wolf Lewkowitz war es die zweite Ehe. Die Eltern führten keinen gemeinsamen Haushalt. Manfred Perel lebte mit einer Behinderung, die nach Angaben seiner Mutter durch eine „Kopfgrippe“ hervorgerufen worden war. Bereits als Kleinkind wurde Manfred Perel in einer externen Einrichtung betreut.
Die Mutter wird von der jüdischen Fürsorgestelle in Frankfurt unterstützt, da sie aufgrund der Pflege ihres Kindes keine Möglichkeit hat, ein eigenes Einkommen zu erzielen. Beide Eltern kümmern sich um eine Besserung des Befindens ihres Sohnes, allerdings scheinen sie unterschiedliche Interessen zu verfolgen. So unternimmt Wolf Lewkowitz im Februar 1926 den Versuch, seinem Sohn die Aufnahme im Friedrich-Luisen-Hospiz in Bad Dürrheim zu ermöglichen und begründet dieses Ansinnen mit den „schlechten Wohnverhältnissen“ welchen er ausgesetzt sei. An den Unterbringungskosten wolle er sich „entsprechend seiner Verhältnisse“ beteiligen.
Gegenüber der Fürsorgestelle wird die Situation von Manfred Perel ausführlich dargelegt. Die Belastung der Mutter sei im Laufe der Jahre immer stärker geworden. Manfred Perel benötige aufgrund seiner Behinderung ein Maß an Betreuung, das von ihr nicht zu leisten sei. Im August 1927 erklärt Sara Perel schriftlich, mit einer externen Unterbringung ihres Kindes einverstanden zu sein. Dann könne sie sich Arbeit suchen. Es ist angedacht, ihn im Idsteiner Kalmenhof in Pflege zu geben. Die Heilerziehungsanstalt wendet sich am 14. September 1927 an die Kinderschutzkommission der Weiblichen Fürsorge in Frankfurt und teilt mit, dass „das Kind Manfred Perel (…) auf Grund des ärztlichen Gutachtens (…) für unsere Anstalt nicht als geeignet erscheint. Wir geben anheim, es einer reinen Pflegeanstalt zuzuführen.“ Die Umsetzung des Vorhabens einer externen Unterbringung ist erschwert, da die Kommunikation zwischen den Eltern durch Konflikte belastet ist. Häufig erfolgen Abstimmungen nur indirekt über die eingebundenen Institutionen und Behörden. Die Unstimmigkeiten über die Unterbringung von Manfred Perel werden nach einem lebhaften Schriftwechsel zwischen den beiden Parteien und den zuständigen Behörden beigelegt. Manfred Perel wird am 16. Januar 1928 in die Heilerziehungsanstalt Kalmenhof aufgenommen. Die Übernahme der Kosten erfolgt durch die Zentrale für jüdische Wohlfahrtspflege. Diese weist darauf hin, der Knabe solle rituell verpflegt werden.
Nach der erfolgten Unterbringung in Idstein bittet Wolf Lewkowitz darum, seinem Sohn Besuche abstatten zu dürfen. Es sei ihm allerdings „unmöglich, die gleichen Besuchsstunden wie die Mutter des Kindes“ wahrzunehmen. Diesem Ansinnen wird zunächst nicht entsprochen, später jedoch werden dem Kindsvater Besuche außerhalb der regulären Besuchszeiten gewährt. Ein Zusammentreffen der Eltern am Besuchstag würde eine „wenig gute Wirkung (…) auch für das Kind“ entfalten.
Nachdem Manfred Perel das siebte Lebensjahr erreicht hat, teilt die Schulbehörde Frankfurt mit, dass Schulpflicht bestehe und er in der Taubstummenschule in Frankfurt unterzubringen sei. Manfred Perel wird zunächst im Jüdischen Erziehungsheim in Beelitz untergebracht, von wo er nach weniger als einem Jahr auf Initiative der dortigen Heimleitung wieder zurück in den Kalmenhof überwiesen wird. Er benötige eine „sachgemäße psychiatrische Behandlung“. Mit Jahresbeginn 1931 wird Manfred Perel wieder im Kalmenhof betreut. Die jüdische Wohlfahrtspflege als Kostenträger erbittet regelmäßig Berichte über den Gesundheitszustand ihres Mündels. Seit Mitte des Jahres 1933 ist der Vater von Manfred Perel nicht mehr greifbar. Eine über das Polizeipräsidium Frankfurt gestellte Anfrage der Jüdischen Wohlfahrtpflege zum Aufenthalt von Wolf Lewkowitz ergibt, dass er von seinem ursprünglichen Wohnort abgemeldet und „auf Reisen“ sei. Im Jahr 1934 erfolgt anlässlich eines Besuches der Mutter auf dem Kalmenhof eine Beschwerde über das schlechte Aussehen und die fahle Gesichtsfarbe ihres Sohnes, die vom Idsteiner Anstaltsleiter Müller gegenüber der Frankfurter Wohlfahrtsbehörde relativiert wird. Aus „organisatorischen Gründen“ erfolgt im Jahr 1936 die „Verlegung“ des zwischenzeitlich 15-jährigen Manfred Perel in die Anstalt Weilmünster. Auch beim dortigen Anstaltsleiter Dr. Schneider erkundigt sich die Jüdische Wohlfahrtspflege regelmäßig nach dessen Befinden. Am 1. März 1938 teilt die Anstalt Weilmünster mit, Manfred Perel müsse „dauernd unter schärfster Aufsicht sein. (…) Körperlich geht es ihm gut.“ Am 18. Oktober 1940, mehr als ein halbes Jahr nach dem Eintritt des Todesfalles, teilt die Anstalt Weilmünster dem für Manfred Perel bestellten Vormund Dr. Julius Grünbaum mit, Viktor Manfred Perel sei am 23. März 1940 gestorben. Als offizielle Todesursache wird „Entero-Kolitis“ in der Sterbeurkunde angegeben; diese Erkrankung ist als Folge dauerhafter Unterernährung und mangelhafter Pflege zu betrachten; bei dem überwiegenden Anteil der jüdischen Anstaltspatienten in Weilmünster wurde diese „Todesursache“ angegeben. Manfred Perel wurde auf dem jüdischen Teil des Anstaltsfriedhofs beigesetzt.
Elfriede Schreyer
war meine Mutter. Sie wurde 1931 in Kassel geboren. Ihre Eltern, meine Großeltern, starben 1943 bei einem Luftangriff auf Kassel. Nach einigen Zwischenstationen kam Elfriede Schreyer in den Idsteiner Kalmenhof. Da sie kaum sprach wurde in ihrer Fürsorgeakte vermerkt, sie leide an „angeborenem Schwachsinn“. Meine Mutter wurde als Jugendliche unmittelbar Zeugin der Ermordung von Kindern im Kalmenhof-Krankenhaus. Sie erlebte die Angst, ins Krankenhaus gebracht zu werden, am eigenen Leib. Wer ins Krankenhaus gebracht wurde, das war allen bekannt, kam dort nicht mehr lebend hinaus. Meine Mutter konnte arbeiten und sich nützlich machen. Deswegen musste sie wie die anderen etwa 400 Heimzöglinge überall mit anpacken. Kurz vor ihrem 14. Geburtstag kam sie mit Fieber auf die Krankenstation. Alle im Heim wussten, dass man die Krankenstation eigentlich nicht mehr lebend verlässt. Sie lag dort einige Wochen und wunderte sich, dass morgens, wenn sie aufwachte, viele der anderen Betten um sie herum leer waren. Das Gift, mit dem die Kinder ermordet wurden, kam aus einer Apotheke in Idstein. Es waren Luminaltabletten und Spritzen. Das Rezept stellte die Ärztin aus. Die Angehörigen erhielten meist die knappe Mitteilung: „plötzlich verstorben, Beerdigung konnte nicht aufgeschoben werden. Weil meine Mutter wusste, dass das Gift auch ins Essen gemischt wurde, aß sie in der Küche nichts. Auch sah sie die in der Nähe des Krankenhauses am Hang vorbereiteten Erdlöcher, in die die ermordeten Menschen hineingeworfen wurden. Obwohl sie Zeugin der Mordtaten war, erlebte meine Mutter das Kriegsende. Andere Anstaltsinsassen wurden kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner getötet. Auch nach 1945 musste sie im Kalmenhof bleiben. Sie müsste, so ein Eintrag in ihrer Akte, stets Überwachung und Führung nötig haben. Meine Mutter durfte keine Schule besuchen. Sie erlebte, dass die in der NS-Zeit angestellten Erzieher, viele von ihnen Täter, weiter dort beschäftigt wurden. Schläge und Gewalt waren an der Tagesordnung. Meine Mutter wurde schwanger, wahrscheinlich von einem Erzieher des Kalmenhofes. Daraufhin wurde ihr sexuelle Triebhaftigkeit unterstellt. Im Jahr 1956 wurde ich geboren. Meine Mutter wurde unter Druck gesetzt, mich zur Adoption freizugeben. Sie tat es nicht. Ich kam in ein Säuglingsheim in der Nähe von Idstein. In den Fürsorgeakten steht, dass der Sohn der „schwachsinnigen Elfriede“ auch selbst schwachsinnig aussehe und daher von einer Pflegefamilie nicht akzeptiert werden könne. Ein Jahr nach meiner Geburt wurde meine Mutter zwangsweise sterilisiert. In meinen ersten elf Lebensjahren sah ich meine Mutter nur bei einem einzigen Besuch im Kalmenhof. Erst 1967 kam ich ins Bubenhaus im Kalmenhof und war damit in der Nähe meiner Mutter. Sie arbeitete in der Küche, in der Wäscherei und einer Bäckerei in Idstein für sehr wenig Lohn. In den Jahren der Krankenmorde in Idstein hatte meine Mutter gelernt, dass sie überleben würde, wenn sie nur arbeitet. Auch nach 1945 musste sie sich vom Personal der Anstalt immer wieder anhören, dass man sie ja wohl „vergessen habe“. Im Kalmenhof ging es mir nicht gut. Die Kinder tuschelten über mich und nannten mich „Bastard“. Schläge waren an der Tagesordnung. Fliehen konnte ich nicht, wohin auch. Das Verhältnis zu meiner Mutter war lebenslang sehr schwierig. Sie starb 2012 im Alter von 80 Jahren. Mit dem Schicksal meiner Mutter und meiner Vergangenheit setze ich mich bis heute täglich auseinander.
Ruth Hennhöfer aus Mannheim – ermordet im Kalmenhof
Ruth Hennhöfer wurde am 28. Juni 1932 in Mannheim geboren. Ihre Eltern waren Ruth Hennhöfer geb. Schneider und Friedrich Hennhöfer. Das Fürsorgeamt der Stadt Mannheim hatte spätestens seit dem Jahr 1942 auf Unterbringung von Ruth Hennhöfer in einer Einrichtung gedrängt. Deren Eltern konnten sich zu diesem Schritt offenbar nicht entschließen. Der späteren, mutmaßlich erzwungenen Unterbringung ging ein Schriftwechsel zwischen der Mannheimer Fürsorgebehörde, der dortigen Gesundheitspolizei und dem „Reichsausschuss“ in Berlin voraus aus dem ersichtlich wird, dass die Institutionen miteinander kooperierten und ein hohes Maß an Interesse daran hatten, Ruth Hennhöfer in die Anstalt Eichberg zu verbringen. Diese erfolgte schließlich im September des Jahres 1943 unter dem Vorwand einer medizinischen Notwendigkeit.
Der "Reichsausschuss" (Berlin) veranlasste die Unterbringung in der dortigen „Kinderfachabteilung“ zwecks „Beobachtung und Behandlung in unserer Spezialabteilung“. Die Mutter erkundigt sich regelmäßig brieflich nach dem Befinden ihrer Tochter und artikuliert ihre Sorge um ihr Kind: „Gleichzeitig bitte ich Sie, mir Auskunft zu geben, wie es meinem Kinde geht und ob es sich schon etwas eingelebt hat. Wenn es arg an Heimweh leidet, würde ich es doch lieber wieder holen. Ich mache mir solche Sorgen darum. Sie werden verstehen können, dass es für mich als Mutter furchtbar schwer ist, so im Ungewissen leben zu müssen. Schreiben Sie mir bitte auch noch die genaue Besuchszeit“. Zwar teilt die Mutter der Einrichtung zunächst mit, ihre Tochter auf dem Eichberg belassen zu wollen, da der Vater und Ehemann der Familie zu diesem Zeitpunkt als Soldat im Kriegseinsatz und die Stadt Mannheim wiederholt Ziel von Luftangriffen war: "Ich habe mich entschlossen, meine Ruth über den Krieg in Ihrer Obhut zu lassen, da wir hier durch die Terrorangriffe nicht sicher sind und ich mit dem Kind nicht in den Bunker kann." Auf Betreiben der Eltern wurde Ruth Hennhöfer zum Ende des Jahres 1943 schließlich doch wieder nach Hause geholt und nicht zurückgebracht. 1944 wird Ruth Hennhöfer zunächst wiederum auf den Eichberg und von dort aus im August 1944 in die Anstalt Kalmenhof (Idstein) verbracht, wo sie am 23. September 1944 ermordet wird. Die offizielle Todesursache lautet "geistiger Defektzustand mit Erethrie und Bronchopneumonie“.
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Klaus Tröster aus Wuppertal – ermordet in der „Kinder-fachabteilung des Kalmenhofs
Klaus Tröster wird am 8. April 1937 in Wuppertal als Sohn des Sattlers Otto Tröster und Anna Tröster geb. Klingelhöller geboren. Am 24. Dezember 1943 soll er um 1.00 Uhr morgens früh an „zerebralem Krampfleiden, Status Epilepticus und „Herzschwäche“ im Kalmenhof in Idstein gestorben sein.
Klaus Tröster wurde Anfang Dezember 1943 in einem Transport aus der Rheinischen Landesklinik Bonn in die „Kinderfachabteilung“ des Idsteiner Kalmenhofes verbracht. Dieser Transport umfasste 30 Kinder, die zunächst im Altenheim des Kalmenhofes untergebracht wurden. Ziel und Zweck der Verbringung nach Idstein war die vom „Reichsausschuss“ in Berlin vorab festgelegte Tötung der als „lebensunwert“ stigmatisierten Kinder. Die Tötungsabteilung des Krankenhauses war häufig überbelegt, weswegen diese Kinder nach und nach aus dem Altenheim des Kalmenhofes ins Krankenhaus verbracht und dort ermordet wurden.
Angehörige von Klaus Tröster bekamen durch die Veröffentlichung der Klarnamen der im Kalmenhof Ermordeten endgültige Gewissheit über sein Schicksal. Aus einem Anschreiben: „ich wusste nur, dass mein ein Jahr alter Bruder Klaus, geboren im April 1937, schon als Kleinkind eine (…) starke Mittelohrentzündung bekam und später (…) wohl als Folge darauf, (…) ab und zu Krämpfe. Er entwickelte sich gut, (…) lernte auch laufen, nur bekam er wohl immer mal wieder diese Krämpfe. Ich selbst war noch zu klein, um das zu verstehen. In welcher ärztlichen Behandlung er war, und wann er wohin (…) kam, konnte ich ja noch nicht wissen. (…) Unsere Mutter fuhr dann mit mir, 3 oder vier Jahre alt, und mit meinem älteren Bruder mit der Bahn (…) nach Idstein, um den kranken Bruder zu besuchen. Wir fanden ihn ruhig liegend in seinem Kinderbettchen vor. Meine Mutter sah sich beim Abschied das Gelände dann etwas genauer an, und fragte, wieso denn so viele Gräber schon aufgeschaufelt wären? Man erklärte ihr, dass dort solch ein steiniger Boden wäre, und man früh genug Vorbereitungen treffen müsste, falls (…) ein Grab benötigt (werden) würde.
Leider wusste man da noch nichts von den schrecklichen Machenschaften (in diesem Haus). Unsere Mutter, nichts Böses ahnend, fuhr mit uns beiden Kindern wieder nach Hause. Wer hätte uns auch helfen können, denn der Vater war Soldat und nicht erreichbar. Dann folgte für unsere Mutter der harte Schlag durch ein sehr nüchternes, kaltes Telegramm, genau auf Heiligabend am 24. Dezember 1943 mit folgender Nachricht: „Klaus plötzlich verstorben, Anwesenheit nicht erforderlich!“. Der Bruder war gerade mal 5 ½ Jahre alt. An all den folgenden Heiligabenden litt meine Mutter immer in Gedanken an ihren Klaus.
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Friedrich Wilhelm Albert aus Neunkirchen – langjähriger Bewohner des Kalmenhofes – tot auf dem Eichberg
Friedrich Wilhelm Albert wurde am 26. Juli 1914 als Sohn des Hüttenarbeiters Adolf Albert und seiner Ehefrau Katharina Albert geb. Wagner in Neunkirchen geboren. Friedrich, genannt „Fritz“, hatte vier Geschwister. Sein Vater starb im Jahr 1918, die Mutter im Jahr 1922. Friedrich Albert wurde nach dem Tod der Mutter zunächst im Waisenhaus untergebracht
Am 8. Juli 1930 wird er in die Heilerziehungsanstalt Kalmenhof in Idstein aufgenommen, wo er Betreuung und Förderung erfährt, bis der Kalmenhof im Jahr 1933 durch die NS-Machthaber gleichgeschaltet wird. Immer wieder erkrankt er an Infekten, wohl auch infolge der seit dem Jahr 1933 einsetzenden, erheblichen Mangelversorgung von Anstaltszöglingen. Diese war politisch gewollte Folge der NS-Rasseideologie zu Ungunsten vorgeblich „Minderwertiger“. Spätestens mit Kriegsbeginn litten die Bewohner des Kalmenhofes an Hunger da die eingesparten Lebensmittel den im dortigen Reservelazarett untergebrachten Soldaten zugeteilt wurden. Am 14. März 1941 wird Friedrich Albert mit der Diagnose „Lungentuberkulose“ in die Landesheilanstalt Eichberg verlegt. Sein Schwager und Vormund wendet sich umgehend an die Anstaltsleitung und fragt nach dem Befinden seines Verwandten. Er bittet darum, ihm Obst und Fruchtsäfte zu kaufen und überweist einen Betrag von 100,-- Reichsmark. Ob Friedrich Wilhelm Albert die für ihn gedachten Lebensmittel erhalten hat, ist den Akten nicht zu entnehmen. Am 8. Juli 1941 soll Friedrich Wilhelm Albert an „Lungentuberkulose mit Marasmus bei Spaltungsirresein“ verstorben sein.
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Heinrich Sund
Heinrich Sund wurde am 11. Mai 1935 in Hamburg geboren. Seine Eltern waren Magda Neumann und Heinrich Willi Sund, der aktiv in der Arbeiterbewegung war und sich in KPD-nahen Kreisen bewegte. Heinrich Sund hatte zwei ältere Brüder.
Im Alter von 14 Monaten wurde Heinrich Sund erstmalig in die Alsterdorfer Anstalten (Hamburg) zur Beobachtung überwiesen. Heinrich Sund hatte, folgt man den Angaben in den Akten, Schwierigkeiten, mit seiner Umgebung in Interaktion zu treten. Hinzu kamen motorische Einschränkungen.
An die Mutter geht die Empfehlung, mit Heinrich Sund gymnastische Übungen durchzuführen und sich viel mit ihm zu beschäftigen. Infolge der Belastung durch die Pflege von drei kleinen Kindern entschließen sich die Eltern, Heinrich Sund dauerhaft in Anstaltspflege zu geben. Im Gutachten der Fürsorgebehörde wird dargelegt: „Im Hinblick auf die Notwendigkeit der normalen Entwicklung zweier gesunder Brüder ist Heinrich im Hause nicht mehr tragbar.“
Im Alter von acht Jahren war Heinrich Sund noch ein „Liegekind“. Er wurde am 7. August 1943 in einem großen, von Hamburg ausgehenden Transport mit der Bahn nach Idstein verbracht. In Limburg an der Lahn wurde der für Idstein bestimmte Waggon abgehängt. Dieser traf am folgenden Morgen auf dem Bahnhof in Idstein ein. Von dort aus erfolgte die Verbringung der Kinder zum Kalmenhof.Heinrich Sund wurde nur wenige Tage nach seiner Ankunft in Idstein im Kalmenhof-Krankenhaus ermordet. Die für den 17. August 1943 ausgestellte Sterbeurkunde weist als vorgebliche Sterbeursachen „Erethischer Schwachsinn“, „Ernährungsstörung“ und „Marasmus“ aus. Das Grab von Heinrich Sund ist bis gegenwärtig weder lokalisiert, noch durch einen Namensnennung kenntlich gemacht.
©HaMe
Manfred Bala Ermordet in der “Kinder-fachabteilung” auf dem Kalmenhof
Manfred Bala wurde am 27.12.1939 in Hamburg geboren. Seine Mutter, Edith Gertrud Bala, war nicht verheiratet und lebte in schwierigen ökonomischen und sozialen Lebensbedingungen. Sie bestritt ihren Lebensunterhalt als Arbeiterin und Hausangestellte.
Zum Zeitpunkt der Geburt war sie ohne Beschäftigung. Manfred Bala wurde zunächst von seiner Mutter betreut und war zwischenzeitlich in Heimunterbringung, kam dann jedoch zu seiner Mutter zurück. Im Alter von 3 Jahren wurde er in die Alsterdorfer Anstalten eingewiesen. Am 7. August 1943 wurden Manfred Bala und weitere 127 Jungen und Männer mit dem Zug aus Hamburg nach Idstein verbracht. Vorgeblich sollten die Kinder aus dem Großraum Hamburg wegen der dort erfolgten Bombenangriffe evakuiert werden.
Tatsächlich handelte es sich um einen Transport ausgewählter Kinder, die zum Zwecke der Ermordung in die “Kinderfachabteilung” in Idstein verbracht wurden. Wenige Tage nach der Ankunft des Transportes in Idstein erreichten die ersten Todesmeldungen die Herkunftsanstalt. Drei Monate nach seiner Ankunft wurde Manfred Bala im Kalmenhof-Krankenhaus ermordet. Vorgeblich starb er an “Lungenentzündung”. Manfred Bala und die weiteren Ermordeten des Hamburger Transportes wurden auf dem Anstaltsfriedhof verscharrt.
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Semi Rothschild ein jüdischer Bewohner der Heilerziehungs-anstalt Kalmenhof
Semi Rothschild wurde am 21. Januar 1911 als Sohn von Benni und Mina Rothschild geb. Kaufmann in Kassel geboren. Er war eine Zwillingsgeburt und hatte fünf weitere Geschwister. Nach seiner Schulausbildung war Semi Rothschild im elterlichen Geschäft in der Kasseler Rhönstraße 17 tätig, wo er Besorgungen erledigte.
Semi Rothschild sollte einen Beruf erlernen und wurde zu diesem Zweck im Juni 1930 in die Heilerziehungsanstalt Kamenhof in Idstein überwiesen. Als überkonfessionelle Einrichtung genoss der Kalmenhof bei Menschen jüdischer Herkunft einen guten Ruf, da dort die Speisevorschriften beachtet und Feiertage aller Konfessionen gefeiert und respektiert wurden. Nach der „Machtergreifung“ im Jahr 1933 gerieten die jüdischen Bewohner des Kalmenhofes unter massiven Druck. Semi Rothschilds Vater wendet sich im Dezember 1935 an das Gesundheitsamt in Fulda und bittet um Entlassung seines Sohnes aus Idstein, da dieser „auf dem Kalmenhof keine rituelle Verpflegung erhält und deswegen in seiner Ernährung leidet“
Auf Antrag der Anstaltsleitung des Kalmenhofes soll Semi Rothschild wegen „angeborenen Schwachsinns“ zwangssterilisiert werden. Sein Vater versucht vergeblich, den Eingriff zu verhindern, was ihm nicht gelingt. Im April 1936 erreicht Benni Rotschild die Entlassung seines Sohnes aus dem Kalmenhof. Semi Rothschild kehrt zu seiner Familie in Kassel zurück. In der Pogromnacht 1938 wird Semi Rothschild als „Aktionsjude“ in das KZ Buchenwald als verbracht. Am 9. Dezember 1941 werden Semi Rothschild und seine Eltern aus Kassel in das Ghetto Riga deportiert, wo sie im Jahr 1942 ermordet werden.
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Erna Poser aus Frankfurt – deportiert vom Kalmenhof
Erna Poser wurde im Jahr 1930 in Frankfurt am Main geboren. Seit ihrer Geburt lebte sie mit einer Behinderung. Ihre Mutter wurde mehrfach für kürzere Zeiträume in Haft genommen. Die Eltern lebten in Scheidung und vertraten unterschiedliche Ansichten über die Unterbringung des gemeinsamen Kindes. Während ihres insgesamt sieben Jahre währenden Aufenthaltes in Idstein erhielt Erna Poser keinen Besuch von ihrem Vater, während die Mutter bemüht war, den Kontakt zu ihrem Kind aufrecht zu erhalten. Im Jahr 1933 wurde Erna Poser auf Betreiben der Frankfurter Fürsorgebehörde im Kalmenhof untergebracht. Die Mutter besuchte ihre Tochter mehrfach in Idstein, schrieb Briefe an die Anstaltsleitung, erkundigte sich nach dem Befinden ihrer Tochter und holte sie zum Jahresende 1933 wieder mit nach Hause.
Vor dem Hintergrund eines vorgeblich „liederlichen Lebenswandels“ der Mutter drängte die Frankfurter Fürsorgebehörde auf eine Wiederaufnahme der Tochter in der Anstalt Kalmenhof und setzte sich schließlich durch. Erna Poser wird ein „guter Gesundheitszustand“ bescheinigt, ihre Entwicklungsschritte sind schriftlich dokumentiert. So wird in einem Schreiben an ihre Mutter 1934 über Erna berichtet, sie sei „vergnügt“, könne bereits selbständig essen und sich mit ihrem Spielzeug beschäftigen. Die immer spärlicher werdenden Einträge in der Akte von Erna Poser verdeutlichen die auf dem Idsteiner Kalmenhof praktizierte Verteilungspolitik zu Ungunsten vorgeblich „lebensunwerter“ Menschen. Diesen sollte nach der Vorstellung der NS-Rasseideologie Pflege und Zuwendung nicht mehr zuteil werden.
Menschliches Leben wurde in die Kategorien „nützlich“ und „unwert“ eingeordnet und mit den Betroffenen entsprechend verfahren: Pflege und Förderung fanden nicht mehr statt, Überbelegung, Mangel an ausreichender Ernährung und Pflegepersonal waren Instrumente der ideologisch begründeten NS-Politik gegen die als „lebensunwert“ stigmatisierten Menschen. Als exemplarisch für die Umstände unter denen Erna Poser auf dem Kalmenhof leben musste mag ein Akteneintrag aus dem Jahr 1938 gelten: Der zwischenzeitlich 8-jährigen wurden sämtliche Haare abrasiert, da sie unter fortwährendem Läusebefall „zu leiden habe“. Für das Folgejahr ist dokumentiert, dass in ihrer Entwicklung „keine Fortschritte“ zu verzeichnen sind. Erna Poser wird als „unheilbar“ eingestuft, vom Idsteiner Anstaltspersonal für den Transport nach Hadamar selektiert und von der als Sammellager umfunktionierten Turnhalle auf dem Kalmenhof am 10. Februar 1941 von Idstein nach Hadamar deportiert, wo Erna Poser am Tag ihrer Deportation in der Gaskammer ermordet wird.
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Ruth Pappenheimer
Ruth Pappenheimer wurde am 8. November 1925 in Frankfurt/Main als Tochter von Martha Pappenheimer geb. Noll-Hussong und Julius Pappenheimer geboren. Sie hatte einen jüngeren Bruder. Nach dem Tod der Mutter wuchs Ruth Pappenheimer bei ihrer Großmutter auf. Da der Vater von Ruth Pappenheimer jüdischer Herkunft war galt sie dem NS-System als nicht "arisch". Auch ihre Großmutter, die Anhängerin der NS-Ideologie war, hegte gegenüber ihrer Enkelin rassistische und antisemitische Ressentiments. Ruth Pappenheimer wurde in Fürsorgeerziehung gegeben und in die Haus-und Landarbeitsschule Camberg überstellt. Dort sollte sie ihr "Pflichtjahr" ableisten. Die Haus- und Landarbeitsschule in Camberg war eine NS-Vorzeigeeinrichtung und lehnte somit die Unterbringung von Fürsorgezöglingen ab, die als nicht "arisch" galten. Ruth Pappenheimer durfte dort nicht bleiben und wurde auf einem nahegelegenen Bauernhof und dann im Kindererholungsheim Schloss Dehrn als Arbeitskraft eingesetzt. Kurz vor ihrer Entlassung aus der Fürsorgeerziehung wurde Ruth Pappenheimer auf den Kalmenhof verbracht und im dortigen Krankenhaus am 20. Oktober 1944 durch die Verabreichung von Morphium-Skopolamin ermordet. Vorgeblich starb sie an "Lungenentzündung". Ruth Pappenheimer wurde auf dem Kalmenhof-Friedhof anonym verscharrt. Die Lage ihres Grabes ist bis heute nicht bekannt.
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